Die Frage nach dem Sinn des Lebens aus Sicht der TZI

Merkwürdig ist es - so könnte man einen GEDANKEN Wittgensteins fortsetzen -, dass in dem Augenblick, in dem die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt wird, sie unbeantwortbar wird, weil die Person, die diese Frage stellt, einen Sinn außerhalb ihrer selbst sucht, während diejenigen Personen, die ihr Leben als sinnerfüllt erleben, gar keinen Gedanken auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verschwenden. Das FÜHLEN des Sinns im Leben scheint es nicht nur überflüssig, sondern sogar kontraindiziert zu machen, über den Sinn des Lebens nachzudenken.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens behandelt den Sinn wie einen Gegenstand, der gesucht, verloren und gefunden werden kann, wie etwa eine Brille, ein Apfel oder ein Glas Milch. Es wird etwas gesucht, was meinem Leben einen Sinn gibt, was für irgendetwas sinnvoll ist, wofür ich als Suchender ein Gefäß bin, in das Sinn hineingegossen werden kann, damit ich sinnerfüllt bin. Wenn der Sinn als etwas außerhalb der Person Existierendes betrachtet wird, dann habe ich nur die Wahl, mich einem Sinnangebot anzuschließen,( zum Beispiel einer religiösen oder weltanschaulichen Lebensdeutung oder der Lebensdeutung einer kulturellen Tradition, die in einer sozialen Lebenspraxis einen fraglosen Sinn verankert) oder einen Sinn zu suchen, in der Erwartung, etwas finden zu können, das in der Lebenspraxis verloren gegangen zu sein scheint.
Diese Erwartung verwechselt das Aufnehmen des Sinns mit dem Herstellen des Sinns. Denn der Sinn ist nichts, was ich bekomme, sondern etwas was ich produziere. Der Mensch ist unweigerlich ein sinnproduzierendes Wesen, meint Luhmann ganz nüchtern, denn jede Entscheidung; die eine Person fällt, schafft einen Sinn, selbst die triviale Entscheidung, ob ich mein Auto an dieser Straßenecke oder erst an der Nächsten anhalte. Die Entscheidung mag sich als mehr oder weniger sinnvoll für die Erreichung eines bestimmten Zwecks herausstellen. In jedem Fall war und ist sie sinnhaft, selbst wenn sie für einen bestimmten Zweck unsinnig gewesen sein sollte. Unsinnig und sinnvoll sind Vokabeln, die den Erfolg eines Handelns gegenüber einem bestimmten Zweck ansprechen, während die Vokabel sinnhaft ausdrückt, dass der Sinn an meinem Handeln haftet oder ich dem Sinn einer Lebensdeutung verhaftet bin. Wo eine Person sich entscheidet, gleich wie, stellt sie Sinn her.
In einer individuellen oder kollektiven Krise jedoch, in der die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt wird, erlebt sich die Person nicht als sinnhaft. Die Folge ist, dass sie keine Entscheidungen treffen kann und es selbst in einfachen Lebensvollzügen zum Stillstand kommt. Die Person möchte zu einem Glauben an eine Lebensdeutung finden, kann sich dazu jedoch bei anhaltender Krise nicht entscheiden, solange sie nicht spürt, dass sie selbst es ist, die den Sinn produziert. So verharrt sie mit der Frage nach dem Sinn des Lebens in einem negativen Zirkelschluss.
Mit dem Prinzip der chairpersonship und der Aufforderung, jede Situation so zu deuten, dass es um eine persönliche Entscheidung geht, stellt die TZI die PRODUKTION von Sinn in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen für den einzelnen in Gruppen und in der Gesellschaft. Sie macht kein spezifisches weltanschauliches oder religiöses Sinnangebot, sondern will Personen befähigen, als chairperson zu leben, das heißt sich entscheiden zu können und dazu so weit irgend möglich von inneren und äußeren Behinderungen der Entscheidungsfähigkeit unabhängig zu werden. Sie antwortet nicht auf die Sinnfrage, indem sie einen Sinn anbietet, sondern indem sie den Weg frei macht für die Sinnproduktion der Person. Das zweite Axiom beinhaltet keine spezifischen religiösen, politischen oder sonstigen Wertvorstellungen, sondern drückt in einem positiven Zirkelschluss aus, dass mein Erleben des Lebens, verschlüsselt in dem Wort Ehrfurcht, den Lebenssinn herstellt. Ein einziger Gedanke, der in vielen Philosophien und Religionen auf dem Weg zu einem universalen Begriff der Menschheit geteilt wird, ist nötig, um diesen positiven Zirkelschluss abzustützen: Der Gedanke, dass andere Menschen so wie ich, die Chance haben sollen, als chairperson zu leben. Diese interdependente Seite des chairperson-Prinzips, das Anteilnehmen, gibt einen politischen Auftrag und markiert eine Ethik, die in einem Satz ausgedrückt werden kann: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Oft habe ich Ruth COHN sagen hören, in diesem Satz sei die ganze Aussage der TZI zusammen gefasst.
So ist die Rede von den „Werten“ der TZI falsch. Die TZI bietet weder Werte, noch politische Anleitung noch philosophische oder religiöse Lebensdeutung. Mit alledem kann sie sich befassen. Was sie jedoch selbst anbietet und umsetzt, ist das zentrale Prinzip, dass die chairperson den Sinn des Lebens dadurch produziert, dass sie daran arbeitet, sich und andere zu befähigen, als chairperson zu leben. Als chairperson in sozialer Verbundenheit zu leben ist lehrbar und lernbar. Insofern ist jenseits aller politischen, religiösen und weltanschaulichen Differenzen ein gemeinsames Erleben möglich, das die Frage nach dem Sinn des Lebens überflüssig macht.

Helmut Reiser